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Sonntag, 4. Oktober 2026

Farai Mudzingwa: Die Avenues ★★★★☆

Farai Mudzingwa: Die Avenues  ★★★★☆


Cover: Unionsverlag

Der Roman von Farai Mudzingwa erzählt die Geschichte zweier Geschwister.

Natsai hatte als kleines Mädchen eine ungemütliche Begegnung mit einem Wassergeist, dem sie gerade noch entkommen konnte.

Ihr wesentlich jüngerer Bruder Gerry (genannt Jedza) hatte als Achtjähriger ein traumatisches Erlebnis, bei dem einer seiner Freunde ums Leben kam.

Beide möchten nichts wie weg aus Miners Drift. Außer ein bisschen Landwirtschaft oder illegales Graben in aufgelassenen Minen gibt es hier nichts.

Eine Zukunft gibt es nur in Harare, der Hauptstadt Simbabwes. Und da wiederum nur im Viertel der Avenues. Wenn man es bis dorthin geschafft hat, dann hat man es eben geschafft.

Aber die Großstadt ist eine große Mühle, die schon viele Ankömmlinge aufgerieben hat. Dennoch versuchen es beide Geschwister.

Jezda vor allem, weil er herausfinden möchte, warum und wo sich die Spur seiner Schwester verliert. Sie ist seit Jahren wie vom Erdboden verschluckt.

Mit grobem und starkem Strich zeichnet Farai Mudzingwa ein Bild des zeitgenössischen Simbabwes. Faszinierend, wie gut ihm das in seinem Erstlingsroman gelingt!


Mittwoch, 23. September 2026

Wolf Haas: Eigentum ★★★★☆

 Wolf Haas: Eigentum  ★★★★☆


Kein Cover verfügbar


Die Mutter von Wolf Haas hat es nie geschafft, Eigentum zu erwerben. Trotz nix als Arbeit Arbeit Arbeit und sparen sparen sparen ist es sich nicht ausgegangen. Schuld war immer die Inflation, sodass ihre Ansparungen den geforderten Kaufpreisen immer hinterher hinkten.


Wolf Haas hat seiner Mutter eine sehr liebevolle und (be-)rührende Biografie geschrieben.

Freitag, 4. September 2026

Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen ★★★★☆

 Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen  ★★★★☆

 

Cover: Suhrkamp

Das war wahrscheinlich die irrste und abgefahrenste Geschichte, die ich je gelesen hab.

Dabei ist der Roman von Jorge Barón Biza (Artikel ev. auf deutsch übersetzen lassen, Anm.) keineswegs ein Groschenroman, sondern literarisch auf hohem Niveau.

Kein Wunder, denn der Autor war jahrzehntelang Übersetzer, Lektor, Korrektor, ... Kurz: Er hat sich immer im Literaturbetrieb bewegt, ohne selbst in den Vordergrund zu treten.

Er hat einen einzigen Roman selbst geschrieben – eben diesen hier.

Aber was für einen!


Freitag, 12. Juni 2026

Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung ★★★★☆

Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung ★★★★☆

 

Cover: Hanser

Tjaa. Was war das denn jetzt?

Ich hab irgendwie nicht herausgefunden, warum Jonas Lüscher uns das alles erzählt. Denn es gibt nur einen sehr dünnen roten Faden, ansonsten sind das mehr oder weniger lose Geschichten.

Ich hab mir zusammengereimt, dass er uns Traumsequenzen vorlegt. Denn gleich im März 2020, also zu Beginn der Coronazeit, hat es ihn derart schwer erwischt, dass er zwei Monate im Tiefschlaf lag und nur knapp überlebt hat. Er, der immer gegen Übertechnisierung war, ist nun gerade auf Hightech angewiesen und hängt an unzähligen Schläuchen und Geräten. In diesen zwei Monaten dürfte sich Einiges an Träumen angesammelt haben.

Wenn es nur nach dem Inhalt ginge, würde ich nicht vier Sterne vergeben und einen Post schreiben.

Aber wie er diese Geschichten erzählt, das ist schon meisterlich! Ganz große Klasse!

 

Mittwoch, 23. Oktober 2024

Viktor Jerofejew: Der Große Gopnik ★★★★☆

 Viktor Jerofejew: Der Große Gopnik ★★★★☆

Cover: Matthes & Seitz

"Sputnik" kennt wohl jeder. Eines der wenigen Wörter aus dem Russischen, die weltweit bekannt sind.

Aber was ist ein "GOPnik"? GOP ist eine russische Abkürzung und steht für "Staatliches Wohnheim für das Proletariat" und seine Bewohner sind eben die Gopniks. Es entwickelte sich darin eine Subkultur, die sich durch Kleinkriminalität und Schlägertypen auszeichnete. Der Begriff Gopnik verselbständigte sich mit der Zeit und steht heute eben für einen Hinterhof-Schlägertypen.

Und einer aus St. Petersburg hat es im Kreml bis nach ganz oben geschafft – der Große Gopnik eben.

Viktor Jerofejew hat es lange ausgehalten im Land des Großen Gopniks, aber mit dem Überfall auf die Ukraine wurde ihm der Boden zu heiß; seine Familie und er flüchteten über Estland und Polen nach Deutschland.

Sein Bestreben ist es seither, den Begriff "Großer Gopnik" international bekannt zu machen und zu etablieren. Er soll so geläufig werden wie der "Sputnik".

In diesem Buch schildert er den Werdegang und die Gedankenwelt des Großen Gopniks. Aber nicht nur das, sondern das Buch ist sehr viel mehr!


Dienstag, 14. Mai 2024

Robert Menasse: Die Erweiterung ★★★★☆

Robert Menasse: Die Erweiterung ★★★★☆

Cover: Suhrkamp

Nach seinem ersten EU Roman "Die Hauptstadt" war ich schon sehr gespannt, was sich Robert Menasse zum Thema EU-Erweiterung hat einfallen lassen; zumal mir "Die Hauptstadt" damals recht gut gefallen hat.

Wieder ist ein Buch herausgekommen, das in der Entstehung unglaublich aufwändig gewesen sein muss. Dass er die EU und ihre Institutionen sehr gut kennt, hatte er ja schon beim ersten Roman bewiesen. Klar, dass er dieses Wissen hier ebenfalls wieder gut gebrauchen konnte.

Aber diesmal kam noch Albanien dazu, ein bei uns immer noch recht unbekanntes und fremdes Land. Und genau um die Aufnahme dieses Landes in die EU und um den Prozess, der da dahinter steht, geht es in diesem Buch.

Wie immer mit dem Robert Menasse eigenen Humor und Sarkasmus. 

Sonntag, 2. April 2023

George Orwell: Reise durch Ruinen ★★★★☆

George Orwell: Reise durch Ruinen  ★★★★☆


Cover: C.H.BECK

Ich finde, der Autor George Orwell ist bei uns viel zu wenig bekannt. "Bekannt" ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn seine beiden Romane "Farm der Tiere" und "1984" kennt hier praktisch jeder. Aber seine weiteren Bücher sind, meiner Meinung nach, zu wenig bekannt und daher auch zu wenig gelesen.

Da kann ich mich gleich selbst bei der Nase nehmen, denn bis Anfang des Jahres kannte ich auch nur diese vorhin genannten Klassiker.

Als ich dann "Tage in Burma" las, war ich schwer begeistert! Seine Abrechnung mit dem Britischen Empire und dem Verhalten seiner Repräsentanten in Indien und Burma (Myanmar) ist wirklich gelungen! Orwell war fünf Jahre lang als Polizist dort stationiert. Der offen ausgetragene und völlig alltägliche Rassismus der britischen Herrenrasse kommt hier derart deutlich rüber, dass es einem beim Lesen schon fast zuviel wird. Auch ihm ging dieser Rassismus zutiefst gegen den Strich, nach fünf Jahren kehrte er, davon völlig angewidert, nach England zurück.

Und vor ganz kurzer Zeit kam mir eben dieses Buch unter die Augen. Von März bis November 1945 hielt sich George Orwell in Deutschland und Österreich auf. Er berichtete von hier aus über den Zusammenbruch des Nazi-Regimes und machte sich Gedanken über die Zukunft. Diese Reportagen erschienen dann in diversen englischen Zeitungen.

In diesem Buch sind einige dieser Berichte enthalten und im Anschluss gibt es ein ausführliches Nachwort, das die Rahmenbedingungen näher erläutert.

Mich hat fasziniert, wie genau er beobachtet hat und wie präzise er das Gesehene in Worte fassen konnte. Ganz besonders aber hat mich die Hellsicht beeindruckt, mit der er die Zukunft Europas skizziert hat – und das bereits mitten im Zusammenbruch!


Mittwoch, 8. März 2023

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch ★★★★☆ (Co-Autor: ChatGPT)

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch  ★★★★☆


Cover: KiWi-Verlag

Im Sommer steht für uns eine Irland-Rundreise auf dem Programm. Als Vorbereitung wurde uns an einer Stelle Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch" empfohlen. Die Familie des Autors verbrachte Mitte der 1950er-Jahre den Sommer über dort ihre Ferien.

Man kann nur hoffen – und wir gehen davon aus – dass sich in der Zwischenzeit Etliches zum Besseren gewendet hat; aber wir sind gespannt. Nach unserer Rückkehr werde ich an dieser Stelle sicher ausführlich davon berichten.

Heinrich Böll jedenfalls berichtet sehr einfühlsam und witzig über die Zustände in Irland dieser Zeit. Viele Beschreibungen sind sehr prägnant und geben eine gute Vorstellung von Land und Leuten.

Aber sehr viel mehr möchte ich diesmal nicht schreiben. Ich bin schreibfaul und lasse diesmal schreiben. Richtig geraten: Die Künstliche Intelligenz (KI, im Englischen Artificial Intelligence / AI) "ChatGPT" soll für mich arbeiten!

Das hat sie auch brav gemacht; es hat durchaus gut begonnen, ist dann aber rasch in der Qualität abgefallen. Das Ergebnis ist also eher durchwachsen.


Mittwoch, 28. Dezember 2022

Robert Menasse: Die Hauptstadt ★★★★☆

Robert Menasse: Die Hauptstadt  ★★★★☆


Cover: SUHRKAMP

Robert Menasse bewies eine gewisse Portion Mut mit seiner Themenwahl. Denn die Europäische Union im allgemeinen und die Kommission im besonderen in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, kommt nicht alle Tage vor und das Thema löst wahrscheinlich bei vielen potentiellen Lesern lediglich ein tiefes Schlafbedürfnis aus.

Aber wer, wenn nicht er? Robert Menasse ist als glühender EU-Fan bekannt; noch dazu als einer, der die EU und ihre Institutionen gerne weiter entwickeln würde. Genau das kommt in seinem Buch immer wieder zur Sprache, besonders deutlich in der Person eines Wiener Professors, der ein Referat in einem EU-Think Tank hält.

Im Zentrum steht aber die Kommission, die mit einem Aufsehen erregenden Projekt ihr Image aufpolieren möchte. Welche Kräfte, Intrigen und persönliche Animositäten da bei der Planung im Spiel sind und welch ein Gezerre der einzelnen Abteilungen untereinander da stattfindet, ist schon sehr gut dargestellt! Da stecken viel Recherche und Wissen dahinter, das sieht man praktisch jedem Satz an!


Montag, 12. Dezember 2022

Dulce Maria Cardoso: Die Rückkehr ★★★★☆

Dulce Maria Cardoso: Die Rückkehr  ★★★★☆

Kein Cover verfügbar


Seit 1961 rumorte es in den afrikanischen Kolonien Portugals. Die Aufständischen konnten immer mehr Land zurückerobern. Die Kolonialmacht antwortete mit erbittertem Krieg, der sowohl menschlich als auch materiell unglaubliche Opfer forderte. In den letzten Jahren waren 80% der portugiesischen Soldaten in Afrika stationiert und der Krieg verschlang unbeschreibliche 60% des Wirtschaftsaufkommens. Zum Vergleich: Deutschland bemüht sich seit Jahren, die Verteidigungsausgaben auf 2% zu heben. Von Österreich reden wir an dieser Stelle lieber gar nicht.

60% sind für jedes Land Irrsinn. Aber für das verarmte und rückständige Portugal umso mehr. Diese Armut kam hauptsächlich daher, dass die Salazar- (und später Caetano-) -Diktatur ihre Bewohner bewusst von Bildung fern hielt und damit jeglichen Fortschritt und Innovation unmöglich machte. Gewünscht waren ungebildete, willfährige Untertanen. Falls das mit dem "willfährig" nicht so klappen sollte, gab es wie in jeder Diktatur noch Gefängnis und Folter. Einschränkung der Pressefreiheit war ebenfalls hilfreich.

Es war aber letztlich das Militär selbst, das 1974 diese Diktatur stürzte. Die menschliche und finanzielle Last war eben unerträglich und der Krieg in Afrika trotzdem nicht zu gewinnen.

In der Nacht des 25. April 1974 ertönte im Radio das Lied, das als Startsignal für die Revolution vereinbart war. Militär und Volk standen gleichermaßen dahinter, sodass dieser Umsturz praktisch unblutig (mit ganz wenigen Ausnahmen) über die Bühne ging. Er sollte später als Nelkenrevolution in die Geschichtsbücher eingehen.


Wir waren im Juni 2014 in Lissabon.
40 Jahre nach der Nelkenrevolution war die Stadt voll mit Wandmalereien ...

... und Plakaten, die an sie erinnerten.
Mehr dazu in meinem Reisebericht von damals.


Die Übergangsregierung begann sofort, das zentrale Versprechen umzusetzen: Einstellung des Krieges in Afrika und Entlassung von Mosambik und Angola in die Unabhängigkeit.

Für die portugiesischen Kolonialisten war das das Signal, in das "Mutterland" zurückzukehren – und das taten sie auch. Und so setzten sich innerhalb weniger Monate 500.000 Menschen in Bewegung, um auf ein völlig verarmtes Portugal mit 11 Millionen Einwohnern zu treffen.

Dulce Maria Cardoso (*1964), die Autorin dieses Buches, war selbst eine dieser Rückkehrerinnen. Ihre Eindrücke von damals hat sie hier verarbeitet; Eindrücke, die sie sowohl von Angola als auch nach ihrer Ankunft in Portugal mitgenommen hat.

Das ist ihr ganz ausgezeichnet gelungen! Ein sehr bewegendes und aufwühlendes Stück Zeitgeschichte, das da heraus gekommen ist!


Dienstag, 8. November 2022

Karosh Taha: Im Bauch der Königin ★★★★☆

Karosh Taha: Im Bauch der Königin  ★★★★☆


Cover: DUMONT

Dieses Buch ist ein Wende-Exemplar. Gemeint ist aber nicht die politische Wende von 1989. Sondern das Buch enthält zwei Geschichten, die in der Mitte aufeinander treffen. Nach der ersten Geschichte kippt man das Buch um 180 Grad und liest die zweite.

Das sieht im ersten Moment so aus, als würde hier eine Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt werden. Das ist es aber nicht! Es gibt zwar zentrale Figuren, die in beiden Teilen vorkommen, und es gibt auch ein paar Überschneidungen in der Handlung; aber es sind doch zwei Geschichten.

Karosh Taha (*1987) ist Kurdin aus dem nordirakischen Zaxo, und ist mit ihren Eltern nach Deutschland (Duisburg) gekommen, als sie noch ein Kind war. 

Im Buch geht es in einem äußeren Kreis um die kurdische Gemeinschaft in (wahrscheinlich) Duisburg, in einem weiter innen liegenden Kreis geht es um drei Familien, und im innersten Kreis um drei Jugendliche, die kurz vor der Matura (in Duisburg natürlich dem Abitur) stehen. Allen drei Familien ist gemeinsam, dass sie zwischen Kurdistan und Deutschland zerrissen sind.

Man kann also davon ausgehen, dass Karosh Taha hier sehr viel selbst Erlebtes und Beobachtetes berichtet. Ich würde aber nicht soweit gehen und die Geschichten autobiografisch nennen.

Herausgekommen ist jedenfalls ein frech und witzig, nicht immer politisch korrekt, geschriebenes, sehr sehr lesenswertes Buch! Mitten aus dem Leben gegriffen! 

Wahrscheinlich das beste, das ich in diesem Jahr bis jetzt hatte!


Dienstag, 1. November 2022

Katharina Winkler: Blauschmuck ★★★★☆

Katharina Winkler: Blauschmuck  ★★★★☆


Cover: Suhrkamp

Blauschmuck. Jede Frau im Dorf hat ihn, keine spricht darüber. Blauschmuck, das sind die blauen Flecken, die die Frauen von ihren Männern bekommen haben. Blauschmuck, das ist die Zierde, die keine Frau mehr verlässt, weil sie täglich aufgefrischt wird.

Selten, dass ich ein derart brutales Buch gelesen habe. Krimis, Horror, Splatter: Die sind alle Fiktion. Hier geht es aber um reale Frauen und deren Qualen, hier geht es nicht um Einzelfälle sondern um den Normalzustand.

Es ist schon ein paar Wochen her, dass ich das Buch zu Ende gelesen habe. Die Schilderungen und Sprache der Autorin Katharina Winkler waren gewaltig – in jedem Sinn des Wortes. Ich brauchte diesen Abstand, um darüber schreiben zu können.


Dienstag, 20. September 2022

Katharina Tiwald: Mit Elfriede durch die Hölle ★★★★☆

Katharina Tiwald: Mit Elfriede durch die Hölle  ★★★★☆


Kein Cover verfügbar


Dieses Buch ist Vieles auf einmal: Ein Corona-Roman, top aktuell, originell, witzig, flott geschrieben und vor allem eine Hommage an Elfriede Jelinek und Dante Alighieri.


Montag, 18. April 2022

Vanessa Springora: Die Einwilligung ★★★★☆

Vanessa Springora: Die Einwilligung   ★★★★☆


Cover: Karl Blessing Verlag


Die MeToo-Bewegung war bereits seit Monaten im Gang, als Vanessa Springora mit ihrem Buch Anfang 2020 noch eins draufsetzte.

Denn ihre Geschichte ist nicht eine einer Erwachsenen, sondern die einer damals Minderjährigen.

Jetzt kann man die Frage stellen, inwieweit eine 14-Jährige überhaupt überblicken kann, auf was sie sich da einlässt, wenn sie eine Beziehung zu einem Mann eingeht, der 36 Jahre älter ist als sie. Und ob man dieses Hineinrutschen in diese Beziehung als "Einwilligung" bezeichnen kann. Das wäre nämlich die eine Bedeutung dieses Wortes.

Aber viel schlimmer ist die zweite Bedeutung dieses Wortes. Nämlich die Einwilligung zu dieser Beziehung durch ihre unmittelbare Umgebung – inklusive ihrer Mutter. Noch dazu zu einem Mann, von dem alle wussten, dass er es gerne mit Minderjährigen hält.

Samstag, 9. April 2022

Ian McEwan: Maschinen wie ich ★★★★☆

Ian McEwan: Maschinen wie ich  ★★★★☆


Kein Cover verfügbar


Charlie ist völlig abgebrannt, pleite. Er kann sich gerade so über Wasser halten und im Erdgeschoß eines Hauses wohnen, in dessen erstem Stock die Studentin Miranda lebt. Klar, dass sich im Laufe der Zeit zwischen den beiden was entwickeln wird.

Allerdings kommt plötzlich ein Dritter ins Spiel.

Von der Erbschaft seiner Mutter kauft Charlie sich einen voll entwickelten, mit Emotionen ausgestatteten Androiden; zu diesem Zeitpunkt sind gerade einmal 25 Stück weltweit verkauft worden – zu einem horrenden Preis. Diese 13 Adams und 12 Eves sind aber auch wirklich gut gelungen! Sehen täuschend echt aus, bewegen sich ganz natürlich und entwickeln mit der Zeit ein Bewusstsein und einen Charakter.

Man kann in der Anfangsphase anhand von zig Parametern einstellen, welchen Charakter so ein Androide annehmen soll. Charlie beantwortet bei seinem Adam nur jede zweite Frage, die andere Hälfte der Fragen zu beantworten, lädt er Miranda ein. Adam wird also zu ihrem gemeinsamen Androiden. Miranda hat die Antworten tendenziell so gesetzt, dass Adam sich in sie verlieben muss.

Und so hat Charlie plötzlich einen ernstzunehmenden Rivalen im eigenen Haus!


Samstag, 12. Februar 2022

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte ★★★★☆

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte  ★★★★☆


Cover: Piper

In seinen Romanen "Fische haben keine Beine" und "Etwas von der Größe des Universums" bezeichnet der Autor Aris Mutter als "das wilde Fohlen"; und meint damit eine selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und die in Island zur Zeit, in der diese Romane spielen, einfach außergewöhnlich und bis dato unbekannt waren.

In diesem Roman stellt Jón Kalman Stefánsson gleich zwei solche wilde Fohlen vor: Helga und Asta, Mutter und Tochter. Und wie er das sprachlich wieder hinbekommt ist schon ganz große Klasse!


Donnerstag, 27. Januar 2022

Clemens J. Setz: Die Bienen und das Unsichtbare ★★★★☆

Clemens J. Setz: Die Bienen und das Unsichtbare  ★★★★☆


Cover: Suhrkamp

Wo soll ich eigentlich anfangen? Das Buch ist so voller Inhalt!

Naja, vielleicht mit dem Titel. Der ist vollkommen nichtssagend und irreführend; gleiches gilt für das Coverfoto. Wenn man nur den Titel des Buches kennt, kommt man nie im Leben drauf, worum es darin geht.

Der Grazer Autor Clemens J. Setz (Hut ab! Büchnerpreisträger 2021, und das im zarten Alter von 39!) behandelt darin Plansprachen; also keine gewachsenen Sprachen, sondern solche, die von Menschen erfunden, also geplant, wurden. Und da gibt es gar nicht so wenige! Einige bekanntere Beispiele wären etwa Volapük und Esperanto. Clemens J. Setz hat 6 (!) Jahre Arbeit in dieses Buch investiert! Herausgekommen ist ein wirklich umfassendes, sehr liebevolles und stellenweise witziges Werk zu diesem Thema! Neben Plansprachen widmet der sich aber auch noch anderen "Sprachen" wie etwa Glossolalie oder Grammelot. Mehr dazu folgt gleich; zu Gebärdensprache, Grammelot und Glossolalie hab ich auch Videos eingebettet!


Montag, 24. Januar 2022

Egyd Gstättner: Klagenfurt ★★★★☆

 Egyd Gstättner: Klagenfurt  ★★★★☆



Kein Cover verfügbar


Ich glaube, ich muss Abbitte leisten.

Vor mehr als 40 Jahren besuchten wir zum ersten Mal Klagenfurt; und unser Eindruck war – wie soll ich sagen – nicht gerade positiv. Die Freunde Klagenfurts mögen uns verzeihen, aber unsere Assoziationen waren eher: Ödnis, Provinznest, tote Hose, im Vergleich dazu ist ja Krähwinkel eine Metropole – so was in der Art. Deshalb war dieser erste Besuch bis jetzt auch unser letzter.

Aber Egyd Gstättner hat's wieder gutgemacht! In seinem Stadtführer präsentiert er im Zuge zweier Spaziergänge alles, was Klagenfurt zu bieten hat. Und das ist gar nicht so wenig. Als gebürtiger Klagenfurter, der auch immer noch in dieser Stadt lebt, hat er natürlich zu jedem Haus, zu jeder Gedenktafel, zu jedem Baum eine Geschichte parat. 

Und diese Geschichten bringt er so informativ und witzig, dass ich einen weiteren Besuch wohl ins Auge fassen werde.


Dienstag, 11. Januar 2022

Ismail Kadare: Geboren aus Stein ★★★★☆

Ismail Kadare: Geboren aus Stein  ★★★★☆


Cover: Fischer

Innerhalb kürzester Zeit hab ich jetzt drei verschiedene, mir bis dahin unbekannte, Kulturkreise kennengelernt. Nach Kenia und kanadischen First Nations nun also Albanien. Ist von uns nicht gar so weit entfernt, dennoch völlig unbekannt. Bei uns gilt es als das Land der wilden Skipetaren, bei denen Familienclans seit Jahrhunderten in Blutfehde liegen und bei denen Frauen eine männliche Identität annehmen, um geschäftsfähig oder Familienoberhaupt sein zu können.

Höchste Zeit also, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, und das möglichst durch einen Einheimischen. Ich hab keine Ahnung mehr wie, aber irgendwie bin ich dann doch auf Ismail Kadare gestoßen. Geboren 1936 hat er inzwischen zahlreiche Romane veröffentlicht, für die er auch schon vielfach ausgezeichnet wurde. In mehr als 30 Sprachen übersetzt gilt er seit Jahren als ewiger Anwärter auf den Literaturnobelpreis.

All das wusste ich bis vor wenigen Tagen noch nicht. Aber besser spät als nie. Denn mit diesen autobiografischen Schriften gelingt es ihm ganz ausgezeichnet und auf humorvolle Weise, uns die albanische Seele näher zu bringen!


Freitag, 31. Dezember 2021

Joshua Whitehead: Jonny Appleseed ★★★★☆

Joshua Whitehead: Jonny Appleseed  ★★★★☆


Kein Cover verfügbar

Joshua Whitehead (hier ein Link zu seiner eigenen Homepage) ist wie der Protagonist seines Romans ein NDN. Jonny Appleseed, so dessen Name, wusste bereits im Alter von acht Jahren, dass er ein Two-Spirit und schwul war. Das Leben im Reservat der Peguis (treaty one-Gebiet) wurde ihm unmöglich, daher zog er vor einiger Zeit in den Norden der Provinzhauptstadt Winnipeg (Provinz Manitoba). Dort hält er sich als Stricher so recht und schlecht über Wasser, aber die Lebenssituation ist insgesamt mehr als prekär.

Allen, denen die oben genannten Begriffe so gar nichts sagen, geht es so wie mir. Aber im Laufe der Zeit wächst man in diese Sprache und Begrifflichkeiten hinein.