Posts mit dem Label Buch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Buch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 4. Oktober 2026

Farai Mudzingwa: Die Avenues ★★★★☆

Farai Mudzingwa: Die Avenues  ★★★★☆


Cover: Unionsverlag

Der Roman von Farai Mudzingwa erzählt die Geschichte zweier Geschwister.

Natsai hatte als kleines Mädchen eine ungemütliche Begegnung mit einem Wassergeist, dem sie gerade noch entkommen konnte.

Ihr wesentlich jüngerer Bruder Gerry (genannt Jedza) hatte als Achtjähriger ein traumatisches Erlebnis, bei dem einer seiner Freunde ums Leben kam.

Beide möchten nichts wie weg aus Miners Drift. Außer ein bisschen Landwirtschaft oder illegales Graben in aufgelassenen Minen gibt es hier nichts.

Eine Zukunft gibt es nur in Harare, der Hauptstadt Simbabwes. Und da wiederum nur im Viertel der Avenues. Wenn man es bis dorthin geschafft hat, dann hat man es eben geschafft.

Aber die Großstadt ist eine große Mühle, die schon viele Ankömmlinge aufgerieben hat. Dennoch versuchen es beide Geschwister.

Jezda vor allem, weil er herausfinden möchte, warum und wo sich die Spur seiner Schwester verliert. Sie ist seit Jahren wie vom Erdboden verschluckt.

Mit grobem und starkem Strich zeichnet Farai Mudzingwa ein Bild des zeitgenössischen Simbabwes. Faszinierend, wie gut ihm das in seinem Erstlingsroman gelingt!


Mittwoch, 23. September 2026

Wolf Haas: Eigentum ★★★★☆

 Wolf Haas: Eigentum  ★★★★☆


Kein Cover verfügbar


Die Mutter von Wolf Haas hat es nie geschafft, Eigentum zu erwerben. Trotz nix als Arbeit Arbeit Arbeit und sparen sparen sparen ist es sich nicht ausgegangen. Schuld war immer die Inflation, sodass ihre Ansparungen den geforderten Kaufpreisen immer hinterher hinkten.


Wolf Haas hat seiner Mutter eine sehr liebevolle und (be-)rührende Biografie geschrieben.

Montag, 14. September 2026

Ian McEwan: Was wir wissen können ★★★★★

Ian McEwan: Was wir wissen können   ★★★★★


Cover nicht verfügbar

Ich hab vorhin noch einmal nachgezählt. Inzwischen hab ich 16 Bücher von Ian McEwan gelesen, 11 davon waren (0 bis 5 Sterne nach meinen Kriterien) 4- bzw. 5-Sterner. Anders formuliert: Er kann's wirklich!

Dieser Roman reiht sich nahtlos unter die anderen 5-Sterner wie "Abbitte", "Maschinen wie ich" oder "Liebeswahn" ein.

Zum Inhalt werde ich diesmal nicht sehr viel schreiben; man könnte da leicht zu verräterisch werden!

Kurz:
Im Oktober 2014 findet in England ein legendäres Abendessen statt, zu dem 8 Freunde eingeladen sind. Francis Blundy, ein gefeierter Lyriker, widmet seiner Frau Vivien einen liebevollen Sonettenkranz und trägt dieses Langgedicht während dieses Abendessens vor. Francis hat sich selbst übertroffen. Dieses Gedicht ist sein bestes Werk, da sind sich alle Anwesenden sicher. Ein Meisterwerk eben.

Das Gedicht wurde allerdings nie veröffentlicht, aber einige Zeit später hat eine Journalistin, die bei diesem Abendessen dabei war, einen begeisterten Artikel in einer Zeitung untergebracht. Dieser Artikel und ein paar Tagebucheintragungen sind das einzige, das an dieses Gedicht erinnert. Der Sonettenkranz selbst und vor allem auch sein Inhalt gelten als verschollen.

Mehr als 100 Jahre später startet der Literaturwissenschaftler Tom noch einmal einen Versuch, dieses Gedicht aufzuspüren.


Freitag, 4. September 2026

Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen ★★★★☆

 Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen  ★★★★☆

 

Cover: Suhrkamp

Das war wahrscheinlich die irrste und abgefahrenste Geschichte, die ich je gelesen hab.

Dabei ist der Roman von Jorge Barón Biza (Artikel ev. auf deutsch übersetzen lassen, Anm.) keineswegs ein Groschenroman, sondern literarisch auf hohem Niveau.

Kein Wunder, denn der Autor war jahrzehntelang Übersetzer, Lektor, Korrektor, ... Kurz: Er hat sich immer im Literaturbetrieb bewegt, ohne selbst in den Vordergrund zu treten.

Er hat einen einzigen Roman selbst geschrieben – eben diesen hier.

Aber was für einen!


Freitag, 12. Juni 2026

Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung ★★★★☆

Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung ★★★★☆

 

Cover: Hanser

Tjaa. Was war das denn jetzt?

Ich hab irgendwie nicht herausgefunden, warum Jonas Lüscher uns das alles erzählt. Denn es gibt nur einen sehr dünnen roten Faden, ansonsten sind das mehr oder weniger lose Geschichten.

Ich hab mir zusammengereimt, dass er uns Traumsequenzen vorlegt. Denn gleich im März 2020, also zu Beginn der Coronazeit, hat es ihn derart schwer erwischt, dass er zwei Monate im Tiefschlaf lag und nur knapp überlebt hat. Er, der immer gegen Übertechnisierung war, ist nun gerade auf Hightech angewiesen und hängt an unzähligen Schläuchen und Geräten. In diesen zwei Monaten dürfte sich Einiges an Träumen angesammelt haben.

Wenn es nur nach dem Inhalt ginge, würde ich nicht vier Sterne vergeben und einen Post schreiben.

Aber wie er diese Geschichten erzählt, das ist schon meisterlich! Ganz große Klasse!

 

Dienstag, 30. Dezember 2025

Javier Marías: Tomás Nevinson ★★★★★

Javier Marías: Tomás Nevinson  ★★★★★

Cover: S. FISCHER

Die meisten würden wohl sagen, dieses Buch ist eine Fortsetzung seines großartigen Romans "Berta Isla". Javier Marías selbst sieht es nicht als direkte Fortsetzung, sondern eher als "Partnerbuch".

Wie auch immer. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Denn die wesentlichen handelnden Personen sind hier die gleichen wie schon bei "Berta Isla" und die Handlung setzt zwei Jahre nach dem Ende des ersten Buches ein.

Tomás ist nach seinen Geheimdienst-Missionen wieder in Madrid, wird von Frau und Kindern so recht und schlecht geduldet und er geht wieder seiner Arbeit in der britischen Botschaft in Madrid nach.

Doch zu Beginn des Jahres 1997 holt ihn seine Vergangenheit ein. Er bekommt in Madrid Besuch von Bertram Tupra, seinem Führungsoffizier des britischen Geheimdienstes, und bekommt einen neuen Auftrag vorgeschlagen, für den er wie geschaffen wäre.

Nach einigem Zögern nimmt er doch an. Er soll eine Nordirin identifizieren, die für die verheerenden Anschläge der ETA 1987 in Barcelona und Saragossa verantwortlich sein soll. Und wenn er sie gefunden hat, soll er sie auch gleich eliminieren.


Montag, 30. Juni 2025

Daniel Kehlmann: Lichtspiel ★★★★★

Daniel Kehlmann: Lichtspiel  ★★★★★


Cover: rowohlt

Georg Wilhelm Pabst (meist G. W. Pabst geschrieben) war ein österreichischer Filmregisseur, der zur Stummfilmzeit eine echte Größe war; seine neuen Techniken und Sichtweisen waren teilweise revolutionär und stilbildend. 

Ein Abstecher nach Hollywood lag auf der Hand, endete aber in einem Desaster. Frustriert kehrte er nach Europa zurück. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges saß er im Deutschen Reich fest, er konnte es nicht mehr verlassen.

Notgedrungen musste er bei Propagandaminister Goebbels zu Kreuze kriechen, damit er, der "rote Pabst", wenigstens schöne, gute, deutsche Filme drehen durfte.

Daniel Kehlmann schrieb über ihn  einen sehr einfühlsamen Roman, in dem er Geschichtliches mit Fiktivem ergänzte und mischte. Packend und lebendig geschrieben nimmt uns das Buch mit und lässt uns mit GWP mitleiden. Denn das war es: ein Leidensweg, den er auch nach dem Krieg nicht mehr wirklich verlassen konnte.


Samstag, 22. März 2025

Johanna Sebauer: Nincshof ★★★★★

 Johanna Sebauer: Nincshof  ★★★★★


Cover: DUMONT

Tja früher! Früher war alles besser!

Früher, als in ganz Kakanien niemand etwas von Nincshof wusste. Der Name allein sagt ja schon alles: Er kommt aus dem Ungarischen, wo "nincs" (gesprochen "nintsch") soviel bedeutet wie "gibt's nicht". Früher, da stand Nincshof mitten im Sumpf östlich des Neusiedlersees, von Schilf meterhoch überwuchert. 

Aber dann, so Anfang des 20. Jhdts, wurde der Sumpf trockengelegt und das Dorf kam zum Vorschein. Damit war dann aber Schluss mit der Ruhe. Schade.

Darum möchten ein paar Einwohner von Nincshof, die noch zarte Erinnerungen an diese Zeit haben (und sei es nur aus Erzählungen), dass das Dorf wieder aus dem Gedächtnis der Umgebung verschwindet. Konsequenterweise nennen sie sich daher "Oblivisten" (von lat. "oblivio" – das Vergessen). 

Sie setzen schon allerlei Maßnahmen, aber sie stehen vor gewaltigen Hindernissen. Da wären etwa die vielen radfahrenden Touristen; und vor allem dieses vor zwei Jahren zugezogene Paar: Sie eine Filmemacherin, er ein spinneter Ziegenzüchter. Wenn sie einen Film über Nincshof dreht und er groß in den Tourismus einsteigt, kannst du das mit dem Vergessen gleich wieder vergessen!

All das und noch viel mehr verpackt Johanna Sebauer in ihren Erstlingsroman. Diese Geschichte ist so voll mit originellen Ideen und so witzig und locker-flockig geschrieben, dass das Lesen ein echtes Vergnügen war!


Mittwoch, 26. Februar 2025

Mircea Cărtărescu: Theodoros ★★★★★

Mircea Cărtărescu: Theodoros  ★★★★★


Cover: Zolnay

Man nehme ein paar historische Persönlichkeiten, die zur gleichen Zeit aktiv waren:

  • Einen Kaiser von Äthiopien
  • Einen Kaiser der USA (gab es wirklich!)
  • Eine britische Königin
  • Einen britischen Heerführer

Dazu ein paar Erzengel und zahlreiche weitere Personen, die der blühenden Fantasie von Mircea Cărtărescu entsprungen sind. Diese Zutaten kommen alle in einen Topf und werden mit einer Unmenge an Text vermischt und gut verrührt bis eine Masse von 670 Seiten entsteht. Diesen Text gut mit barocker Schreibweise garnieren und in lange, lange und mehrfach verschachtelte Sätze gießen, sodass der Leser am Ende so eines Satzes schon nicht mehr weiß, wie er begonnen hat.

Wer sich von dieser Beschreibung nicht abschrecken lässt, wird mit einem Lesevergnügen der besonderen Art belohnt!


Mittwoch, 23. Oktober 2024

Viktor Jerofejew: Der Große Gopnik ★★★★☆

 Viktor Jerofejew: Der Große Gopnik ★★★★☆

Cover: Matthes & Seitz

"Sputnik" kennt wohl jeder. Eines der wenigen Wörter aus dem Russischen, die weltweit bekannt sind.

Aber was ist ein "GOPnik"? GOP ist eine russische Abkürzung und steht für "Staatliches Wohnheim für das Proletariat" und seine Bewohner sind eben die Gopniks. Es entwickelte sich darin eine Subkultur, die sich durch Kleinkriminalität und Schlägertypen auszeichnete. Der Begriff Gopnik verselbständigte sich mit der Zeit und steht heute eben für einen Hinterhof-Schlägertypen.

Und einer aus St. Petersburg hat es im Kreml bis nach ganz oben geschafft – der Große Gopnik eben.

Viktor Jerofejew hat es lange ausgehalten im Land des Großen Gopniks, aber mit dem Überfall auf die Ukraine wurde ihm der Boden zu heiß; seine Familie und er flüchteten über Estland und Polen nach Deutschland.

Sein Bestreben ist es seither, den Begriff "Großer Gopnik" international bekannt zu machen und zu etablieren. Er soll so geläufig werden wie der "Sputnik".

In diesem Buch schildert er den Werdegang und die Gedankenwelt des Großen Gopniks. Aber nicht nur das, sondern das Buch ist sehr viel mehr!


Donnerstag, 6. Juni 2024

Jarka Kubsova: Marschlande ★★★★★

Jarka Kubsova: Marschlande  ★★★★★


Cover: S. FISCHER

Britta zieht mit ihrem Mann und den beiden Kindern aus der Stadt Hamburg in deren Umland. Genauer in den Südosten, dort wo sich die Elbe in viele viele Nebenarme aufspaltet. Seit Jahrhunderten sichern Deiche dieses wertvolle und äußerst fruchtbare Land (die titelgebenden "Marschlande") vor Fluten der Nordsee.

Bei einem Spaziergang stößt Britta auf ein Straßenschild mit der Aufschrift "Abelke Bleken-Ring". Sie wird neugierig und beginnt zu stöbern.

Die Autorin Jarka Kubsova lässt Britta immer tiefer in die Geschichte dieser Abelke Bleken eintauchen. Sie muss dabei erfahren, wie diese starke, selbstständige Frau Ende des 16. Jhdts.  erst um ihren Hof gebracht, dann gebrochen und zuletzt – wortwörtlich – zerbrochen wird.


Dienstag, 14. Mai 2024

Robert Menasse: Die Erweiterung ★★★★☆

Robert Menasse: Die Erweiterung ★★★★☆

Cover: Suhrkamp

Nach seinem ersten EU Roman "Die Hauptstadt" war ich schon sehr gespannt, was sich Robert Menasse zum Thema EU-Erweiterung hat einfallen lassen; zumal mir "Die Hauptstadt" damals recht gut gefallen hat.

Wieder ist ein Buch herausgekommen, das in der Entstehung unglaublich aufwändig gewesen sein muss. Dass er die EU und ihre Institutionen sehr gut kennt, hatte er ja schon beim ersten Roman bewiesen. Klar, dass er dieses Wissen hier ebenfalls wieder gut gebrauchen konnte.

Aber diesmal kam noch Albanien dazu, ein bei uns immer noch recht unbekanntes und fremdes Land. Und genau um die Aufnahme dieses Landes in die EU und um den Prozess, der da dahinter steht, geht es in diesem Buch.

Wie immer mit dem Robert Menasse eigenen Humor und Sarkasmus. 

Samstag, 17. Februar 2024

Lea Ypi: Frei ★★★★★

Lea Ypi: Frei  ★★★★★

Cover: Suhrkamp

Es kommt nicht oft vor, dass ich für ein Buch mehr als fünf Sterne vergeben möchte. Das hier ist so eins!

Eines der besten Bücher der letzten Monate und definitiv die beste Autobiografie, die ich je in der Hand hatte!

Lea Ypi (*1979) ist in Albanien aufgewachsen. Das war noch die Zeit, als das Land völlig abgeschottet vom Rest der Welt war: Vom bösen kapitalistischen Westen natürlich, später sogar von Jugoslawien, der Sowjetunion und China. 

In der Schule musste sie jedes Jahr erklären, dass die Namensgleichheit mit dem faschistischen Ministerpräsidenten Xhafer Ypi, der seinerzeit Mussolini und die Faschisten Albanien übernehmen ließ, rein zufällig war und er mit ihrer Familie rein gar nichts zu tun hätte.

Andererseits gehörte ihre Familie nicht gerade zu den glühenden Verehrern von Onkel Enver Hoxha (so wurde er allgemein genannt); wenn es in der Familie um Vergangenheit und Verwandtschaft ging, wurde sehr oft geheimnisvoll herumgedruckst. 

Als dann 1990 die Wende in Albanien ankam, wurde sie endlich aufgeklärt.


Samstag, 10. Februar 2024

Sebastian Barry: Tage ohne Ende ★★★★★

Sebastian Barry: Tage ohne Ende  ★★★★★

Cover: Steidl Verlag

In den Western-Filmen kämpfen Cowboys und Indianer; meist gegeneinander, oft untereinander. Aber sie behandeln in den meisten Fällen nur Einzelereignisse. Nur wenige – und gute – Ausnahmen beschäftigen sich mit dem Thema "Landnahme der Weißen im Westen" und allen Problemen, die damit in Zusammenhang stehen. Einer, der sich damit eingehender auseinander setzte, war "Der mit dem Wolf tanzt". Super Film, nur leider viel zu lang.

In diesem Buch hier von Sebastian Barry wird hingegen ganz genau hingeschaut. Der Autor lässt seine beiden Protagonisten die Zeit durchleben, die von den Indianerkriegen über den USA-Bürgerkrieg bis in die Nachkriegszeit reicht und sich etwa 1850 bis 1870 erstreckt.

Die Sprache und Erzählweise sind dabei so mitreißend, dass man das Buch kaum zur Seite legen kann: Mittendrin, statt nur dabei!


Sonntag, 2. April 2023

George Orwell: Reise durch Ruinen ★★★★☆

George Orwell: Reise durch Ruinen  ★★★★☆


Cover: C.H.BECK

Ich finde, der Autor George Orwell ist bei uns viel zu wenig bekannt. "Bekannt" ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn seine beiden Romane "Farm der Tiere" und "1984" kennt hier praktisch jeder. Aber seine weiteren Bücher sind, meiner Meinung nach, zu wenig bekannt und daher auch zu wenig gelesen.

Da kann ich mich gleich selbst bei der Nase nehmen, denn bis Anfang des Jahres kannte ich auch nur diese vorhin genannten Klassiker.

Als ich dann "Tage in Burma" las, war ich schwer begeistert! Seine Abrechnung mit dem Britischen Empire und dem Verhalten seiner Repräsentanten in Indien und Burma (Myanmar) ist wirklich gelungen! Orwell war fünf Jahre lang als Polizist dort stationiert. Der offen ausgetragene und völlig alltägliche Rassismus der britischen Herrenrasse kommt hier derart deutlich rüber, dass es einem beim Lesen schon fast zuviel wird. Auch ihm ging dieser Rassismus zutiefst gegen den Strich, nach fünf Jahren kehrte er, davon völlig angewidert, nach England zurück.

Und vor ganz kurzer Zeit kam mir eben dieses Buch unter die Augen. Von März bis November 1945 hielt sich George Orwell in Deutschland und Österreich auf. Er berichtete von hier aus über den Zusammenbruch des Nazi-Regimes und machte sich Gedanken über die Zukunft. Diese Reportagen erschienen dann in diversen englischen Zeitungen.

In diesem Buch sind einige dieser Berichte enthalten und im Anschluss gibt es ein ausführliches Nachwort, das die Rahmenbedingungen näher erläutert.

Mich hat fasziniert, wie genau er beobachtet hat und wie präzise er das Gesehene in Worte fassen konnte. Ganz besonders aber hat mich die Hellsicht beeindruckt, mit der er die Zukunft Europas skizziert hat – und das bereits mitten im Zusammenbruch!


Mittwoch, 8. März 2023

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch ★★★★☆ (Co-Autor: ChatGPT)

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch  ★★★★☆


Cover: KiWi-Verlag

Im Sommer steht für uns eine Irland-Rundreise auf dem Programm. Als Vorbereitung wurde uns an einer Stelle Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch" empfohlen. Die Familie des Autors verbrachte Mitte der 1950er-Jahre den Sommer über dort ihre Ferien.

Man kann nur hoffen – und wir gehen davon aus – dass sich in der Zwischenzeit Etliches zum Besseren gewendet hat; aber wir sind gespannt. Nach unserer Rückkehr werde ich an dieser Stelle sicher ausführlich davon berichten.

Heinrich Böll jedenfalls berichtet sehr einfühlsam und witzig über die Zustände in Irland dieser Zeit. Viele Beschreibungen sind sehr prägnant und geben eine gute Vorstellung von Land und Leuten.

Aber sehr viel mehr möchte ich diesmal nicht schreiben. Ich bin schreibfaul und lasse diesmal schreiben. Richtig geraten: Die Künstliche Intelligenz (KI, im Englischen Artificial Intelligence / AI) "ChatGPT" soll für mich arbeiten!

Das hat sie auch brav gemacht; es hat durchaus gut begonnen, ist dann aber rasch in der Qualität abgefallen. Das Ergebnis ist also eher durchwachsen.


Mittwoch, 28. Dezember 2022

Robert Menasse: Die Hauptstadt ★★★★☆

Robert Menasse: Die Hauptstadt  ★★★★☆


Cover: SUHRKAMP

Robert Menasse bewies eine gewisse Portion Mut mit seiner Themenwahl. Denn die Europäische Union im allgemeinen und die Kommission im besonderen in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, kommt nicht alle Tage vor und das Thema löst wahrscheinlich bei vielen potentiellen Lesern lediglich ein tiefes Schlafbedürfnis aus.

Aber wer, wenn nicht er? Robert Menasse ist als glühender EU-Fan bekannt; noch dazu als einer, der die EU und ihre Institutionen gerne weiter entwickeln würde. Genau das kommt in seinem Buch immer wieder zur Sprache, besonders deutlich in der Person eines Wiener Professors, der ein Referat in einem EU-Think Tank hält.

Im Zentrum steht aber die Kommission, die mit einem Aufsehen erregenden Projekt ihr Image aufpolieren möchte. Welche Kräfte, Intrigen und persönliche Animositäten da bei der Planung im Spiel sind und welch ein Gezerre der einzelnen Abteilungen untereinander da stattfindet, ist schon sehr gut dargestellt! Da stecken viel Recherche und Wissen dahinter, das sieht man praktisch jedem Satz an!


Montag, 12. Dezember 2022

Dulce Maria Cardoso: Die Rückkehr ★★★★☆

Dulce Maria Cardoso: Die Rückkehr  ★★★★☆

Kein Cover verfügbar


Seit 1961 rumorte es in den afrikanischen Kolonien Portugals. Die Aufständischen konnten immer mehr Land zurückerobern. Die Kolonialmacht antwortete mit erbittertem Krieg, der sowohl menschlich als auch materiell unglaubliche Opfer forderte. In den letzten Jahren waren 80% der portugiesischen Soldaten in Afrika stationiert und der Krieg verschlang unbeschreibliche 60% des Wirtschaftsaufkommens. Zum Vergleich: Deutschland bemüht sich seit Jahren, die Verteidigungsausgaben auf 2% zu heben. Von Österreich reden wir an dieser Stelle lieber gar nicht.

60% sind für jedes Land Irrsinn. Aber für das verarmte und rückständige Portugal umso mehr. Diese Armut kam hauptsächlich daher, dass die Salazar- (und später Caetano-) -Diktatur ihre Bewohner bewusst von Bildung fern hielt und damit jeglichen Fortschritt und Innovation unmöglich machte. Gewünscht waren ungebildete, willfährige Untertanen. Falls das mit dem "willfährig" nicht so klappen sollte, gab es wie in jeder Diktatur noch Gefängnis und Folter. Einschränkung der Pressefreiheit war ebenfalls hilfreich.

Es war aber letztlich das Militär selbst, das 1974 diese Diktatur stürzte. Die menschliche und finanzielle Last war eben unerträglich und der Krieg in Afrika trotzdem nicht zu gewinnen.

In der Nacht des 25. April 1974 ertönte im Radio das Lied, das als Startsignal für die Revolution vereinbart war. Militär und Volk standen gleichermaßen dahinter, sodass dieser Umsturz praktisch unblutig (mit ganz wenigen Ausnahmen) über die Bühne ging. Er sollte später als Nelkenrevolution in die Geschichtsbücher eingehen.


Wir waren im Juni 2014 in Lissabon.
40 Jahre nach der Nelkenrevolution war die Stadt voll mit Wandmalereien ...

... und Plakaten, die an sie erinnerten.
Mehr dazu in meinem Reisebericht von damals.


Die Übergangsregierung begann sofort, das zentrale Versprechen umzusetzen: Einstellung des Krieges in Afrika und Entlassung von Mosambik und Angola in die Unabhängigkeit.

Für die portugiesischen Kolonialisten war das das Signal, in das "Mutterland" zurückzukehren – und das taten sie auch. Und so setzten sich innerhalb weniger Monate 500.000 Menschen in Bewegung, um auf ein völlig verarmtes Portugal mit 11 Millionen Einwohnern zu treffen.

Dulce Maria Cardoso (*1964), die Autorin dieses Buches, war selbst eine dieser Rückkehrerinnen. Ihre Eindrücke von damals hat sie hier verarbeitet; Eindrücke, die sie sowohl von Angola als auch nach ihrer Ankunft in Portugal mitgenommen hat.

Das ist ihr ganz ausgezeichnet gelungen! Ein sehr bewegendes und aufwühlendes Stück Zeitgeschichte, das da heraus gekommen ist!


Dienstag, 8. November 2022

Karosh Taha: Im Bauch der Königin ★★★★☆

Karosh Taha: Im Bauch der Königin  ★★★★☆


Cover: DUMONT

Dieses Buch ist ein Wende-Exemplar. Gemeint ist aber nicht die politische Wende von 1989. Sondern das Buch enthält zwei Geschichten, die in der Mitte aufeinander treffen. Nach der ersten Geschichte kippt man das Buch um 180 Grad und liest die zweite.

Das sieht im ersten Moment so aus, als würde hier eine Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt werden. Das ist es aber nicht! Es gibt zwar zentrale Figuren, die in beiden Teilen vorkommen, und es gibt auch ein paar Überschneidungen in der Handlung; aber es sind doch zwei Geschichten.

Karosh Taha (*1987) ist Kurdin aus dem nordirakischen Zaxo, und ist mit ihren Eltern nach Deutschland (Duisburg) gekommen, als sie noch ein Kind war. 

Im Buch geht es in einem äußeren Kreis um die kurdische Gemeinschaft in (wahrscheinlich) Duisburg, in einem weiter innen liegenden Kreis geht es um drei Familien, und im innersten Kreis um drei Jugendliche, die kurz vor der Matura (in Duisburg natürlich dem Abitur) stehen. Allen drei Familien ist gemeinsam, dass sie zwischen Kurdistan und Deutschland zerrissen sind.

Man kann also davon ausgehen, dass Karosh Taha hier sehr viel selbst Erlebtes und Beobachtetes berichtet. Ich würde aber nicht soweit gehen und die Geschichten autobiografisch nennen.

Herausgekommen ist jedenfalls ein frech und witzig, nicht immer politisch korrekt, geschriebenes, sehr sehr lesenswertes Buch! Mitten aus dem Leben gegriffen! 

Wahrscheinlich das beste, das ich in diesem Jahr bis jetzt hatte!


Dienstag, 1. November 2022

Katharina Winkler: Blauschmuck ★★★★☆

Katharina Winkler: Blauschmuck  ★★★★☆


Cover: Suhrkamp

Blauschmuck. Jede Frau im Dorf hat ihn, keine spricht darüber. Blauschmuck, das sind die blauen Flecken, die die Frauen von ihren Männern bekommen haben. Blauschmuck, das ist die Zierde, die keine Frau mehr verlässt, weil sie täglich aufgefrischt wird.

Selten, dass ich ein derart brutales Buch gelesen habe. Krimis, Horror, Splatter: Die sind alle Fiktion. Hier geht es aber um reale Frauen und deren Qualen, hier geht es nicht um Einzelfälle sondern um den Normalzustand.

Es ist schon ein paar Wochen her, dass ich das Buch zu Ende gelesen habe. Die Schilderungen und Sprache der Autorin Katharina Winkler waren gewaltig – in jedem Sinn des Wortes. Ich brauchte diesen Abstand, um darüber schreiben zu können.