Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung ★★★★☆
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| Cover: Hanser |
Tjaa. Was war das denn jetzt?
Ich hab irgendwie nicht herausgefunden, warum Jonas Lüscher uns das alles erzählt. Denn es gibt nur einen sehr dünnen roten Faden, ansonsten sind das mehr oder weniger lose Geschichten.
Ich hab mir zusammengereimt, dass er uns Traumsequenzen vorlegt. Denn gleich im März 2020, also zu Beginn der Coronazeit, hat es ihn derart schwer erwischt, dass er zwei Monate im Tiefschlaf lag und nur knapp überlebt hat. Er, der immer gegen Übertechnisierung war, ist nun gerade auf Hightech angewiesen und hängt an unzähligen Schläuchen und Geräten. In diesen zwei Monaten dürfte sich Einiges an Träumen angesammelt haben.
Wenn es nur nach dem Inhalt ginge, würde ich nicht vier Sterne vergeben und einen Post schreiben.
Aber wie er diese Geschichten erzählt, das ist schon meisterlich! Ganz große Klasse!
Kapitel 1: Im Schützengraben
Ein junger Algerier lässt sich für die (damals noch) französische Armee anwerben. Er landet irgendwo in Europa des Ersten Weltkrieges, gleich mitten im Gaskrieg.
Als nach einiger Zeit wieder so eine Gaswolke auf seinen Schützengraben zukommt, gelingt es ihm, aus deren Bereich herauszukriechen. Die Lunge brennt zwar ordentlich, aber er überlebt – im Gegensatz zu vielen anderen seiner Kameraden.
Er beschließt, die Truppe zu verlassen und den Krieg für sich zu beenden. Einer muss den Anfang machen.
Kapitel 2: Lyon
Unser Algerier hat zwei Weltkriege überlebt, für die er jeweils auf französischer Seite im Einsatz war.
Jetzt, 1962, ist seine Lunge so geschädigt, dass schwere körperliche Arbeit für ihn nicht mehr in Frage kommt. Für die Tätigkeit als Briefträger reicht die Kapazität seiner Lunge aber noch – zumindest meistens.
Eines Tages auf seiner Tour durch die Hügel von Lyon aber dann doch nicht mehr. Er setzt sich auf einen Sessel eines Cafés und verschnauft ein wenig in der Hitze. Eine junge Kellnerin bringt ihm ein Glas Wasser und sie kommen ins Plaudern.
Die Kellnerin erzählt, dass sie erst seit zwei Jahren in Lyon lebt. Zuvor lebte sie in Hauterives, einem kleinen Ort nicht weit von Lyon. Auch dort war sie schon Kellnerin und traf eines Tages auf den Maler / Filmemacher / Schriftsteller Peter Weiss.
Der wiederum kam nach Hauterives, weil er unbedingt das "Palais Idéal" sehen wollte. Ferdinand Cheval war wie er, der Algerier, Briefträger. Und eines Tages begann er, auf seinen Touren Steine zu sammeln. Mit der Zeit wurden das sehr viele. So viele, dass er auf einem Grundstück damit zu bauen begann – ohne Plan, einfach drauf los. So entstand in vielen Jahren sein idealer Palast. [Einige Fotos davon gibt es im oben verlinkten Artikel der Wikipedia].
Nach einem ausführlichen Gespräch mit Peter Weiss wurde der Kellnerin klar, dass sie Hauterives verlassen sollte. Und so kam es, dass sie letztlich wegen eines Briefträgers in Lyon landete. Jetzt, wo sie mit einem Briefträger spricht, schließt sich also ein Kreis in ihrem Leben.
Einschub: Peter Weiss
Ich kenne praktisch nichts von seinem Schaffen. Außer einer großen Ausnahme:
"Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" (meist kurz "Marat/Sade" genannt)
Dieser elendslange Titel ist eigentlich schon fast die Inhaltsangabe. Der Marquis de Sade ist einer der Insassen dieses Hospizes und schreibt dort für sich und die anderen ein Stück über die Ermordung Jean Paul Marats. Im wesentlichen geht es um eine Auseinandersetzung zwischen Individualität und Masse bzw. Massenbewegung, vertreten durch de Sade respektive Marat.
Dieses Stück entstand 1964 und wurde wenige Jahr darauf von der Royal Shakespeare Company unter der Regie von Peter Brook aufgeführt; 1967 entstand eine Filmaufnahme dieser Inszenierung. Die wiederum hab ich in den 1970er-Jahren zum ersten Mal gesehen und war schwer begeistert. Besser geht's einfach nicht mehr!
Diese Verfilmung gibt es auf Youtube; in voller Länge aber grauenhafter (heute ungewohnter) Qualität. Das sollte aber Theaterliebhaber nicht aufhalten. Es lohnt sich, das anzusehen!
Der Autor möchte die damalige Reise von Peter Weiss nachvollziehen und fährt daher ebenfalls nach Hauterives, um den Palast und das Grabmal des Briefträgers zu besichtigen.
Kapitel 3: Die Weber von Varnsdorf
Eine weitere Station von Peter Weiss war der tschechische Ort Varnsdorf. Dort entwickelte sich im 18. Jhdt. ein Zentrum der Weberei. Wie fast überall, wo die Weber von der industriellen Entwicklung überrollt wurden, gab es auch in Varnsdorf einen Aufstand der Weber.
In einem sehr langen Kapitel breitet Jonas Lüscher so einen Aufstand aus. Weit ausholend mit betroffenen Familien, der Beschreibung des Maschinenparks, erste Unruhen wegen Kündigungen, Brand eines Fertiglagers und Beschädigung von Maschinen.
Zuletzt trifft sich einer der Aufständischen mit dem Sohn des Schmieds. Dessen Vater hat in alter Tradition die Antriebswellen, Räder und Nieten noch per Hand als Einzelstücke hergestellt. Der Sohn allerdings geht schon weiter: Er erfindet eine Maschine, die Schrauben und Muttern präzise und in Massen herstellen kann – also keine Einzelstücke mehr. Da geht dem Aufständischen auf, dass er und die anderen Weber diese Entwicklung nicht aufhalten können. Die Zukunft gehört dem industriellen Maschinenbau und der industriellen Weberei.
Im Buch verschwimmen aber zum ersten Mal die Zeiten. Denn der Autor ist in den 2020er-Jahren Zeuge des Brand, den die Aufständischen 200 Jahre zuvor ausgelöst hatten, er kann sogar tags darauf noch den Brandgeruch wahrnehmen.
Typische Traumsituation, würde ich sagen.
Kapitel 4: Kairo
Der Autor befindet sich jetzt in Kairo, um Freunde zu besuchen. Ihn interessiert aber vor allem die neu entstandene Hauptstadt Ägyptens.
Die gibt es wirklich. An ihr wird seit 2015 etwas östlich des alten Kairos gebaut und wurde sogar schon offiziell eröffnet. Bloß, sie steht weitgehend leer! Es gibt zwar ein paar Hotels (mit wenigen Gästen), eine riesige Bibliothek, eine ebenso riesige Mosche, ein ebenso riesiges Opernhaus und noch viele weitere riesige Gebäude – aber halt unbenutzt. In der Oper hat genau eine Vorstellung stattgefunden, seitdem ist sie verwaist.
Der ägyptische Präsident as-Sisi ließ diese Stadt aus dem Boden stampfen, um im Fall von Aufständen nicht mitten in Kairo gefangen zu sein. Von hier aus möchte er die Kontrolle über das Land behalten. Ich denke, er wird schon wissen, was er tut.
In einem Variete treten Tari, Mascha und weitere auf, der Autor ist Gast dort. Er bemerkt, wie Tari eine große, elegante Frau beobachtet. Wie sich später herausstellen wird, ist Kate (so ihr Name) eine Androidin. Sie ist als menschliches Kind groß geworden, wurde aber später von ihren Eltern "zur Verdrahtung" freigegeben. Tari und Kate werden uns im letzten Kapitel noch einmal begegnen.
Wie bereits erwähnt, ist (oder war) der Autor ja gegen Übertechnisierung. Aber jetzt, da er in seinem Krankenbett mit Covid darniederliegt und nur durch zahlreiche Maschinen am Leben erhalten wird, sieht er sich selbst als Androiden.
Eine der besten und beeindruckendsten Stellen im Buch ist die Geschichte, die Mascha dem Publikum erzählt. Sie spielt um das Jahr 2000 in der zerfallenden Sowjetunion. Dazu eine kleine Textprobe:
Bei dieser Arbeit habe er sich [Maschas Vater wirbt Soldaten für den Afghanistankrieg an, Anm.], wie bei allem im Leben, derart ins Zeug gelegt, dass er alsbald in der Lage gewesen sei, einer in der Wolle gefärbten atheistischen Kartoffelbäuerin mit religiösen Argumenten ihr letztes Kind als Kanonenfutter abzuschwatzen oder eben seine Töchter glauben zu machen, sie seien für die Prostitution zu hässlich, was bei ihr, Mascha, nicht so schwierig gewesen sei, schließlich sei sie schon immer ein realistischer Mensch gewesen, sehr wohl aber im Falle ihrer älteren Schwester, die bereits im Grundschulalter den Titel der Miss Aluminiumwerk gewonnen und sich seither immer etwas auf ihre Attraktivität eingebildet habe.
So sei sie also, dank ihres aufopferungsvollen Vaters, um die Prostitution herumgekommen, habe dafür aber während ihrer Pubertät sehr gelitten.
Man beachte Satzlänge und -bau! Das Buch besteht praktisch nur aus solchen Wurmsätzen, ist aber trotzdem nicht schwierig zu lesen!
Die Szenen im Variete sind offenbar geträumt. Wir haben es also mit einem Traum im Traum zu tun!
Der Autor verlässt diese Betonwüste wieder und fährt Nil-aufwärts weiter nach Luxor.
Kapitel 5: Luxor und Assuan
Tari und Kate sind wie unser Autor ebenfalls auf dem Weg nach Luxor. Der wird allerdings von einem altägyptischen Ba begleitet: Ein Vogel mit einem Menschenkopf (hier: Peter Weiss) sitzt auf seinen Schultern und die beiden unterhalten sich.
Im Hotel fällt er wieder in einen tiefen Traum. Diesmal jagt er sich in Japan mit Sprengstoff in die Luft. Seine Überreste werden zu kleinen Kügelchen gepresst und an seine Eltern geschickt.
Bei der Besichtigung der Luxor-Stätten löst sich sein Schatten von ihm ab und eilt ihm voraus.
Es wird also immer traumhafter und absurder und hier franst die ganze Handlung stark aus. Das Ende des Buches erscheint dann relativ abrupt.
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Wenn ich nur nach dem Inhalt ginge, würde ich den Roman wahrscheinlich nur mit drei Sternen bewerten.
Aber die Geschichten sind derart lebendig und genial geschrieben, dass ich dann doch vier Sterne vergeben habe.
Ich war bei meiner Rezension diesmal sehr ausführlich. Einfach deshalb, um mich einer Leseempfehlung entziehen zu können.
Denn einerseits möchte ich das Buch niemandem empfehlen und dann eine große Enttäuschung auslösen.
Aber andererseits: Wer gut erzählte, meisterlich erzählte, Geschichten mag und der Inhalt oder rote Faden dabei nicht soo wichtig sind, wird mit diesem Buch sicher viel Freude haben!

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