Gestern Abend besuchte ich die Vorstellung "Am Ziel" im Akademietheater.
Ich mache es kurz: Es war eine der besten Inszenierungen eines Thomas Bernhard-Stückes, die mir bis jetzt untergekommen ist. Ein toller Theaterabend!
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Tochter und Mutter Foto: Susanne Hassler-Smith |
Mutter und Tochter bereiten sich auf die jährliche Übersiedlung in das Sommerhaus in Katwijk an der holländischen Küste vor. Das Einpacken bleibt aber an der Tochter hängen, denn die Mutter hat es leider, leider ganz böse im Rücken.
Das Zusehen beim Einpacken gibt der Mutter Gelegenheit, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Dabei kommt heraus, dass sie ein eiskaltes, berechnendes, die Tochter tyrannisierendes und vereinnahmendes Subjekt ist – und dem Alkohol nicht abgeneigt. Ihren vor vielen Jahren verstorbenen Mann hat sie nur geheiratet, weil er ein Gusswerk und ein Haus am Meer hatte; ansonsten hatte und hat sie nur Verachtung für ihn übrig.
Ihr erstes Kind litt an einer seltenen Krankheit, war hässlich und sah aus wie ein Greis (der Beschreibung nach würde ich auf Progerie tippen); sie zeigte dieses Kind niemandem und wünschte nur noch dessen Tod herbei. Zu ihrem Glück starb klein Richard (der Vater war Wagnerianer) tatsächlich noch im Kleinkindalter.
Die später gekommene Tochter hat sie "nur für sich geboren" und völlig an sich gekettet; diese unternimmt aber auch keinerlei Versuch, aus ihrer Situation auszubrechen. Sie macht auf der Bühne einen eher schlichten und dämlichen Eindruck. Nicht genug, dass die Mutter der Tochter beim Packen bloß zuschaut: Sie schlägt ihr auch noch völlig grundlos und unerwartet eine Tasse Tee aus der Hand, die ihr die Tochter hinhält.
Aber plötzlich kommt Bewegung in dieses starre Mutter-Tochter-Gefüge.
Die Mutter war so unvorsichtig und hat einen jungen "dramatischen Schriftsteller" eingeladen, mit ihnen in das Ferienhaus zu fahren. Sein Stück "Rette sich wer kann" feiert gerade große Erfolge auf der Bühne.
Im Sommerhaus angekommen, versuchen beide, Mutter und Tochter, sich an den jungen Mann heranzupirschen. Der kann und will sich aber nicht so recht entscheiden und so bleibt dieses Gefüge so fest wie eh und je.
Der Text ist stellenweise witzig und enthält einige autobiografische Elemente. So wurde der dramatische Schriftsteller in Holland geboren und wuchs "auf einem Fischkutter auf" (T.B als Baby). Oder er sollte Architekt werden; aber er zog diese Jacke, die ihm seine Eltern angezogen haben, aus und "ging in die entgegengesetzte Richtung" (aus "Im Keller", dort kommt diese Phrase praktisch auf jeder Seite vor). Wahrscheinlich hat er auch ein Stipendium oder sonst irgendwelche finanziellen Zuwendungen bekommen (T.B. auf dem Tonhof). Sein Großvater war Philosoph, der von T.B. war der Schriftsteller Johannes Freumbichler.
Schauspielerisch war der Abend ganz ganz große Klasse. Ohne die ebenso tolle Leistung der anderen abzuwerten, ist aber doch die von Dörte Lyssewski besonders hervorzuheben. Sie hat von diesen 135 Minuten praktisch 90% des Textes zu bewältigen und außerdem noch darstellerische Präsenz zu zeigen. Beides gelingt ihr ein einem wirklich bemerkenswerten Ausmaß!
Diesen Eindruck hatte nicht nur ich, sondern auch alle anderen im Publikum: Der Schlussapplaus wollte einfach nicht aufhören. Erst als die drei nicht mehr auf die Bühne zurückkamen, hörte er auf.
Ganz phantastischer Theaterabend! Ganz große Empfehlung meinerseits!

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