Dienstag, 30. Dezember 2025

Javier Marías: Tomás Nevinson ★★★★★

Javier Marías: Tomás Nevinson  ★★★★★

Cover: S. FISCHER

Die meisten würden wohl sagen, dieses Buch ist eine Fortsetzung seines großartigen Romans "Berta Isla". Javier Marías selbst sieht es nicht als direkte Fortsetzung, sondern eher als "Partnerbuch".

Wie auch immer. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Denn die wesentlichen handelnden Personen sind hier die gleichen wie schon bei "Berta Isla" und die Handlung setzt zwei Jahre nach dem Ende des ersten Buches ein.

Tomás ist nach seinen Geheimdienst-Missionen wieder in Madrid, wird von Frau und Kindern so recht und schlecht geduldet und er geht wieder seiner Arbeit in der britischen Botschaft in Madrid nach.

Doch zu Beginn des Jahres 1997 holt ihn seine Vergangenheit ein. Er bekommt in Madrid Besuch von Bertram Tupra, seinem Führungsoffizier des britischen Geheimdienstes, und bekommt einen neuen Auftrag vorgeschlagen, für den er wie geschaffen wäre.

Nach einigem Zögern nimmt er doch an. Er soll eine Nordirin identifizieren, die für die verheerenden Anschläge der ETA 1987 in Barcelona und Saragossa verantwortlich sein soll. Und wenn er sie gefunden hat, soll er sie auch gleich eliminieren.


Tomás ist zweisprachig aufgewachsen, das macht ihn so geeignet für diesen Job und zweisprachig ist auch die Nordirin. Die britischen und spanischen Geheimdienste wissen bereits, dass sie sich in einer ruhigen Kleinstadt im Nordwesten Spaniens niedergelassen und sich dort offenbar zur Ruhe gesetzt hat. Sie befürchten, dass diese Ruhe nur vorgetäuscht ist, und sie nach wie vor Kontakte sowohl zur ETA als auch zur IRA hat. Sie haben auch drei Kandidatinnen zur Auswahl, sie wissen bloß nicht, welche von den Dreien die Nordirin ist. Alles was es gibt, sind Fotos dieser drei Frauen. Tomás soll herausfinden, welche davon die Nordirin ist.

Die Nordirin war bei der Organisation und beim Geldeinsammeln für die IRA so erfolgreich, dass sie an die ETA sozusagen "vermietet" wurde und sie dort ihr know how zur Verfügung stellte.

Tomás übersiedelt also in diese fiktive Stadt Ruán im Nordwesten Spaniens und wird dort als Englischlehrer in eine Schule eingeschleust.

Er heftet sich an die drei Frauen, geht dabei aber sehr vorsichtig und langsam vor. 

So langsam, dass Tupra bereits nervös wird und Tomás nach London zitiert. Dort werden noch einmal sämtliche Erkenntnisse und Details durchgekaut. Im Zuge dessen wird auch eine Phantomzeichnung eines Mannes erstellt und mit Fotos des Archivs abgeglichen. Treffer.

Jetzt sind alle Zweifel ausgeräumt, Tomás bekommt jetzt den definitiven Auftrag, die Frau, die sie für die Nordirin halten, zu töten. Tomás hat bereits alle Vorbereitungen getroffen, doch im allerletzten Moment zuckt er zurück.

Kurze Zeit später ist die Frau aus Ruán verschwunden. Sie hat ihre Wohnung verkauft und auch sonst sämtliche Spuren gelöscht. 

Wenige Monate später schlägt die ETA wieder zu: Ein Lokalpolitiker im baskischen Zarautz wird in die Luft gesprengt. Der Anschlag trägt deutlich die Handschrift der Nordirin.

Spätestens jetzt ist klar, dass Tomás die richtige der drei Frauen herausgefunden hätte. Er macht sich furchtbare Vorwürfe, dass durch sein Zaudern ein Mensch zu Tode kam. Diese Vorwürfe werden ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen.


Die Geschichte ist historisch ideal eingebettet einerseits in die Kette der Anschläge der ETA und der IRA, andererseits in die Friedensbemühungen in Nordirland, die dann 1998 tatsächlich in das Karfreitagsabkommen münden werden. Javier Marías schildert auch sehr eindringlich, wie die Anschläge der ETA in der Bevölkerung ankommen, welche Demonstrationen da organisiert werden und wie die ETA eines Tages sogar bei den eigenen Anhängern Abscheu erregt. Bei der Entführung und Hinrichtung eines jungen Stadtrates haben sie den Bogen überspannt und die Unterstützung in der Bevölkerung lässt nach. Die nun folgende Ruhe ist aber nur von kurzer Dauer, ein halbes Jahr später folgt der Sprengstoffanschlag in Zarautz.

Der Autor stellt aber auch ganz grundsätzliche Fragen und zitiert dafür auch einige Filmszenen, in denen diese Fragen ebenfalls gestellt werden. Bei Tyrannenmord ist die Antwort recht einhellig, die Hitlerattentäter vom 20. Juli 1944 etwa werden als tragische Helden verehrt.

Aber ist es zulässig, nur auf einen einigermaßen begründeten Verdacht hin eine Frau zu eliminieren? Damit sie in Zukunft nichts mehr anstellen kann? Kurze Zeit steht im Roman sogar die Drohung im Raum, dass die Geheimdienste alle drei Frauen töten werden, weil nicht ermittelt werden konnte, welche von ihnen tatsächlich die Nordirin ist. Und Tupra gibt Tomás dafür die Schuld und baut bei dem nochmal so richtig Druck auf, die richtige zu finden.

Die Beseitigung einfach so ist in einem Rechtsstaat nicht zu rechtfertigen – und Tomás sieht das auch so, daher ja auch sein Zögern. Aber Geheimdienste sind da wohl nicht so zimperlich.

Sprachlich ist der Roman wieder auf höchstem Niveau. Unglaublich wie genau Javier Marías beobachten und das Beobachtete dann auch präzise zu Papier zu bringen konnte! Die Szene, in der er zur Tötung der Nordirin schreitet, kündigt sich uns Lesern schon seitenweise vorher an, wir wissen auch in etwa wie er vorgehen wird. Aber als ich dann tatsächlich zu der entscheidenden Stelle kam, merkte ich, wie bei mir Puls und Blutdruck zu steigen begannen! Unheimlich.

Es ist zwar kein unbedingtes Muss, aber es hilft beim Verstehen, wenn man die Reihenfolge der beiden Bücher einhält. Es sind zwar im zweiten Buch ausreichend Hinweise und Erklärungen zu Situationen im ersten drinnen, trotzdem entgeht einem beim Lesen, glaub ich, so Manches, wenn man das erste Buch nicht kennt.

Ich empfehle an dieser Stelle also gleich beide Bücher! Dringend!


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Leider war das der letzte Roman von Javier Marías: Er ist eines der prominenteren Opfer der Covid-19-Pandemie. 2022 starb er an einer von diesem Virus ausgelösten Lungenentzündung. Seine Umgebung trauert um ihn, wir Publikum verloren einen ganz Großen der Weltliteratur!





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