Ian McEwan: Was wir wissen können ★★★★★
![]() |
| Cover nicht verfügbar |
Ich hab vorhin noch einmal nachgezählt. Inzwischen hab ich 16 Bücher von Ian McEwan gelesen, 11 davon waren (0 bis 5 Sterne nach meinen Kriterien) 4- bzw. 5-Sterner. Anders formuliert: Er kann's wirklich!
Dieser Roman reiht sich nahtlos unter die anderen 5-Sterner wie "Abbitte", "Maschinen wie ich" oder "Liebeswahn" ein.
Zum Inhalt werde ich diesmal nicht sehr viel schreiben; man könnte da leicht zu verräterisch werden!
Kurz:
Im Oktober 2014 findet in England ein legendäres Abendessen statt, zu dem 8 Freunde eingeladen sind. Francis Blundy, ein gefeierter Lyriker, widmet seiner Frau Vivien einen liebevollen Sonettenkranz und trägt dieses Langgedicht während dieses Abendessens vor. Francis hat sich selbst übertroffen. Dieses Gedicht ist sein bestes Werk, da sind sich alle Anwesenden sicher. Ein Meisterwerk eben.
Das Gedicht wurde allerdings nie veröffentlicht, aber einige Zeit später hat eine Journalistin, die bei diesem Abendessen dabei war, einen begeisterten Artikel in einer Zeitung untergebracht. Dieser Artikel und ein paar Tagebucheintragungen sind das einzige, das an dieses Gedicht erinnert. Der Sonettenkranz selbst und vor allem auch sein Inhalt gelten als verschollen.
Mehr als 100 Jahre später startet der Literaturwissenschaftler Tom noch einmal einen Versuch, dieses Gedicht aufzuspüren.
Wenn man sich im Jahr 2120 für den Zeitraum ab etwa 1995 interessiert, hat man es relativ einfach. Praktisch alle Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel, Blogeinträge, Emails und natürlich die Werke selbst liegen in elektronischer Form vor und sind leicht aufzufinden und zu studieren.
Für Grabungen in Bibliotheken oder Archiven gibt es selten eine Notwendigkeit.
Im Fall des Sonettenkranzes ist der elektronische Bestand aber in den letzten hundert Jahren schon immer wieder und immer wieder durchgekaut worden – vergeblich. Er bleibt unauffindbar.
So ergeht es auch Tom, der 2119 noch einmal einen Anlauf unternimmt. Er steht aber bereits kurz davor, aufzugeben, weil er keine neuen Erkenntnisse gewinnt. Da macht eine 12-Jährige plötzlich eine entscheidende Entdeckung! Tom ist dadurch neu angestachelt aber auch gezwungen, sich zu einem bestimmten Ort zu begeben und dort tatsächlich zu graben.
Die größten Probleme dabei: Erstens die Kosten für so eine Expedition, für die dann seine Frau Rose aufkommen wird; ihre Erbschaft macht so etwas möglich.
Und zweitens: Die Logistik. Durch den Klimawandel und einen nuklearen Schlagabtausch zwischen Russland und den USA ist der Meeresspiegel derart angestiegen, dass England nur noch aus einzelnen kleinen Inseln besteht – es ist zu einem Archipel geworden. Die USA sind keine Supermacht mehr, sondern sind zersplittert und die einzelnen Regionen werden von Warlords terrorisiert. Deutschland ist Teil von Groß-Russland. Aber das nur nebenbei. Es ist also verdammt aufwändig und schwierig, zu dem bestimmten Ort zu gelangen.
Aber es lohnt sich letztlich. Tom und Rose finden was.
Im ersten Teil werden die handelnden Gäste und das einladende Paar ausführlich beschrieben. Tom (und somit der Autor) zeichnet ein sehr klares Bild der Situation rund um 2014. Wir kennen uns als Leser also schon bestens aus.
Zumindest glauben wir das. Denn das, was Tom und Rose da gefunden haben, stellt unser gerade gezeichnetes Bild völlig auf den Kopf! In Wirklichkeit standen die Personen in einem ganz anderen Verhältnis zueinander, als wir das bisher glaubten!
Ich hör jetzt besser auf.
* * *
In dem Buch geht es nur vordergründig um Klimawandel und Dystopie. Ian McEwan möchte uns zeigen "was wir wissen können"! Der Titel (das Buch heißt im Original übrigens genauso) trifft seine Kernaussage mMn wirklich gut!
Denn obwohl wir sämtliche Daten zur elektronisch zur Verfügung haben, und diese der künstlichen Intelligenz zur Analyse vorwerfen können und und und; so sehen wir dennoch nur Schatten. Der Autor verwischt in Teil zwei die Klarheit des Bildes aus dem ersten Teil und wir stehen plötzlich da wie der Mensch Platons, der in der Höhle nur die Schatten an der Wand sieht.
Das war schon sehr verblüffend und vor allem – wie immer bei McEwan – meisterlich erzählt! In dem Buch gibt es keine Längen, es wird nie fad. Zu Beginn lässt er sich zwar schon ein bisschen Zeit, um die Personen vorzustellen, es wird aber, wie gesagt, trotzdem nie langweilig. Mir drängte sich ein Vergleich zu seinem erstklassigen Roman "Abbitte" auf, in dessen ersten Teil auch nur wenig passiert (noch dazu mehrmals aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert), dann aber die Handlung derart anzieht, dass man das Buch praktisch nicht mehr weglegen kann.
Zu Beginn werden etliche Personen eingeführt. Ich hatte Sorge, da die Übersicht zu verlieren und hab mir daher ein Personenregister angelegt. Die zusätzlichen Informationen, die ich zu jeder Person ergänzt habe, ließen dieses Register zu einem Dossier anschwellen, das beinahe als Inhaltsangabe herhalten kann. Ich kann es hier daher nicht zur Verfügung stellen, weil es viel zu viele Spoiler enthält.
Im Nachhinein betrachtet hätten die Personen plus ein paar zusätzliche Infos gereicht. Aber das wusste ich während des Lesens halt noch nicht.
An dieser Stelle gebe ich normalerweise eine Leseempfehlung ab. Ich halte das in diesem Fall aber für nicht ausreichend.
Ich gehe also noch weiter und spreche diesmal eine explizite Leseaufforderung aus! Für Fans von Ian McEwan jedenfalls ein Muss!

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen