Jorge Barón Biza: Die Wüste und ihr Samen
★★★★☆
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| Cover: Suhrkamp |
Das war wahrscheinlich die irrste und abgefahrenste Geschichte, die ich je gelesen hab.
Dabei ist der Roman von Jorge Barón Biza (Artikel ev. auf deutsch übersetzen lassen, Anm.) keineswegs ein Groschenroman, sondern literarisch auf hohem Niveau.
Kein Wunder, denn der Autor war jahrzehntelang Übersetzer, Lektor, Korrektor, ... Kurz: Er hat sich immer im Literaturbetrieb bewegt, ohne selbst in den Vordergrund zu treten.
Er hat einen einzigen Roman selbst geschrieben – eben diesen hier.
Aber was für einen!
Arón ist 36, als er seine um 20 Jahre jüngere Frau Eligia heiratet. Nach sieben Monaten reicht sie zum ersten Mal die Scheidung ein. Es sollte aber noch 27 Jahre dauern, bis es wirklich soweit ist. Wir schreiben das Jahr 1964.
Der Roman steigt genau in der Szene ein, in der die Anwälte beider Seiten sowie die Eheleute selbst in der Wohnung von Arón zusammenkommen; der gemeinsame Sohn (22 Jahre alt) ist ebenfalls anwesend. Alle Papiere der Scheidung sind unterschrieben, Arón schenkt sich und den Anwälten noch einen Whisky ein – und noch ein weiteres Glas.
Gefüllt mit Schwefelsäure, die er seiner Frau ins Gesicht schüttet.
Die Anwälte und der Sohn rasen mit dem Auto in die Klinik Córdobas (Argentinien), wo sich die Verheerungen im Gesicht und an den Händen der Mutter zeigen.
Die Wangen, Lippen und Augenlider haben sich großteils aufgelöst. Zwei Wochen lang wird sie täglich operiert, um wenigstens die ärgsten Schäden zu beheben oder zumindest einmal die Wirkung der Säure zu bremsen.
Das Gesicht sieht jeden Tag anders aus. Der Autor vergleicht die Schwellungen und Wülste im Gesicht mit Arcimboldos Gemälde "Der Jurist"
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| Wikimedia Commons |
Kaum waren die alle auf dem Weg in die Klinik, setzt sich Arón aufs Bett und jagt sich eine Kugel durch den Kopf.
Nach ein paar Wochen ist die Mutter transportfähig, um in eine Spezialklinik nach Mailand gebracht zu werden. Der Sohn (Mario) begleitet sie dorthin, gemeinsam werden sie beinahe zwei Jahre in dieser Klinik verbringen. Tagsüber ist Mario im Zimmer der Mutter, nachts widmet er sich ausführlich dem Alkohol und Prostituierten. Die Nächte hat er auch in Córdoba schon so verbracht.
Zurück in Argentinien widmet sich die Mutter wieder der Politik. Zwölf Jahre hält sie durch, dann stürzt sie sich aus einem Fenster im 12. Stock. Ausgerechnet aus der Wohnung Aróns, die sie mit ihm nie gemeinsam genutzt hatte.
Aber jetzt kommt der Überhammer! Zitat aus der Rezension der FAZ zu diesem Buch:
Kritische Leser könnten die Handlung des Romans als wenig plausibel empfinden. Dabei erzählt er wahre Begebenheiten. Marios Geschichte ist die des Autors Jorge Barón Biza und seiner Familie.
Wow! Das nenn ich mal eine "dysfunktionale Familie"!
Das Buch ist damit soweit zu Ende, die Geschichte geht aber noch weiter.
Ungefähr 20 Jahre nach dem Tod der Mutter schreibt der Autor also diesen autofiktionalen Roman, der in Argentinien übrigens ein großer Erfolg wird.
Es wird aber sein einziges Buch bleiben. Denn drei Jahre später (2001) stürzt er sich aus dem gleichen Fenster wie damals seine Mutter. Der viele Alkohol, der dann auch zu einer tiefen Depression führte, tut seine Wirkung. Seine jüngere Schwester spielt im Roman keine Rolle, aber die hat sich vor Jahren ebenfalls umgebracht.
* * *
Im Nachwort wird dann noch einiges an Vorgeschichte von Raúl Barón Biza (so hieß Arón in der Realität) sowie von Rosa Clotilde Sabattini (der Mutter des Autors) erklärt. Auch die Links, die ich in den Text eingestreut hab, helfen, die weiteren Umstände zu erklären. Insbesondere die Verbindungen der Mutter mit Eva "Evita" Perón sind haarsträubend! Evita war nicht nur schön, sie konnte auch ihre Krallen ausfahren!
Insgesamt also ein sehr beeindruckendes und aufwühlendes Buch. Trotz – oder eher wegen – all der Begleitumstände auch ein sehr interessantes Buch, das einen tiefen Einblick in das Argentinien der Nachkriegszeit bietet!


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