Donnerstag, 6. August 2026

Festspiele Reichenau 2026

Auch heuer waren wir wieder in Reichenau und besuchten die Festspiele.

Diesmal sahen wir zwei Dramatisierungen von Prosastücken, nämlich

  • Die Legende vom Heiligen Trinker, nach Joseph Roth
  • 24 Stunden aus dem Leben einer Frau, nach Stefan Zweig

Eine dritte Vorstellung (Reigen) mussten wir ausfallen lassen – die Verabschiedung eines lieben Freundes war einfach wichtiger.




Die Legende vom Heiligen Trinker


Joseph Roth war selbst schwer alkoholkrank. Trotzdem ist diese Geschichte nicht autobiografisch zu verstehen. Höchstens in dem Sinne wie er beschreibt, wie schwer es ist, von dieser Sucht loszukommen. Im Bühnenbild ist eine riesengroße rote Stoffhand zu sehen, die diese Sucht darstellt. Und die sich immer wieder dem Protagonisten schwer auf die Schulter legt.

Vor allem immer dann, wenn ihm ein Wunder begegnet. 

Er hat sich verpflichtet, 200 Francs der Kirche mit der kleinen Therese zu spenden. Das ist kein kleiner Betrag für ihn! Und vier Mal passiert ihm das Wunder, dass er viel Geld entweder findet, es ihm zugesteckt wird oder ihm eine Geldbörse in die Hand gedrückt wird, die eigentlich gar nicht ihm gehört.

Aber er schafft es nicht, die Spende abzugeben. Schon ist diese Riesenhand wieder da und er investiert das Geld in Alkohol, bis nichts mehr davon übrig ist.

Elend geht er am Alkohol zugrunde.


Die Kritiken in den Zeitungen waren – gelinde ausgedrückt – verhalten. 

Fühlte sich für uns irgendwie seltsam an. Denn wir hielten die Dramatisierung und Aufführung durchaus für gelungen! Es wurde nämlich nicht nur die Roth'sche Novelle dramatisiert, sondern zwischendurch auch immer wieder aus dem Briefwechsel Joseph Roths mit Stefan Zweig zitiert. Zweig hat das Talent von Joseph Roth erkannt und immer wieder versucht, ihn vom Alkohol wegzubringen. Mehrmals hat er ihm angeboten, eine mehrwöchige Entziehungskur auf seine Kosten zu machen – vergeblich.

Das Ensemble wurde mit großem Applaus belohnt. Ganz zurecht, wie wir fanden!


24 Stunden aus dem Leben einer Frau



Noch eine Geschichte, die mit Sucht zu tun hat.

Eine Frau erzählt ihrer Schwester in Monte Carlo, dass sie vor Jahrzehnten schon einmal hier war.

Damals lernte sie einen jungen Polen kennen, der der Spielsucht verfallen war. Sie verliebte sich in ihn, und nach einer leidenschaftlichen Nacht stellte sie ihm reichlich Geld zur Verfügung, um seine Schulden loszuwerden. Außerdem nahm sie ihm den Eid ab, dem Spiel fortan abzuschwören.

Es kam, wie es kommen musste. Geschworen ist bald einmal was. Jedenfalls brachte er einerseits das Geld am Spieltisch durch und sich selbst mit einer Pistole um.

Jetzt, da sie das alles ihrer Schwester erzählt, gibt sie auch zu, dass sie ihm ihr gesamtes Erspartes plus die Lebensversicherung nach dem Tod ihres Mannes überlassen hatte. Aber sie bereut es nicht. Diese 24 Stunden mit ihm waren es allemal wert!


Auch diese Umsetzung und Inszenierung kam bei der Kritik nur mäßig an. Die im Standard war einfach ein Verriss, der unserer Meinung nach in keinem Verhältnis zur Aufführung stand.

Denn auch hier fanden wir die Dramatisierung und Vorstellung wieder sehr gelungen! Die Schwester kommt in der Novelle zwar nicht vor. Sie wurde halt in der Dramatisierung eingeführt, um die Erzählung auf der Bühne möglich zu machen. 

Besonders gelungen fanden wir das Bühnenbild. Ein paar Koffer waren mal Sitzgelegenheit, Tisch oder Bett. Ein aufgeklappter Koffer stellte einen Roulette-Tisch dar.

Weniger begeistert waren wir von der Textverständlichkeit. Besonders Julia Stemberger sprach in der ersten Hälfte gekünstelt mit sehr hoher Stimme, die nur schwer zu verstehen war. Mit diesem Eindruck waren wir nicht allein, in der Pause konnte man an jedem Stehtisch davon reden hören!

Davon einmal abgesehen war das aber ebenfalls wieder eine gelungene Umsetzung und eine großartige Darstellung! Auch hier wieder großer Schlussapplaus, auch wieder völlig gerechtfertigt!


Der Reigen

Diese Inszenierung dürfte etwas in die Hose gegangen sein, da waren sich alle Kritiker ausnahmsweise einmal einig.

Das war für uns aber schon nicht mehr relevant.

Trotzdem wären wir viel lieber in diese Vorstellung gegangen, als zum Friedhof Liesing fahren zu müssen.


R.I.P.



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