Sonntag, 4. Oktober 2026

Farai Mudzingwa: Die Avenues ★★★★☆

Farai Mudzingwa: Die Avenues  ★★★★☆


Cover: Unionsverlag

Der Roman von Farai Mudzingwa erzählt die Geschichte zweier Geschwister.

Natsai hatte als kleines Mädchen eine ungemütliche Begegnung mit einem Wassergeist, dem sie gerade noch entkommen konnte.

Ihr wesentlich jüngerer Bruder Gerry (genannt Jedza) hatte als Achtjähriger ein traumatisches Erlebnis, bei dem einer seiner Freunde ums Leben kam.

Beide möchten nichts wie weg aus Miners Drift. Außer ein bisschen Landwirtschaft oder illegales Graben in aufgelassenen Minen gibt es hier nichts.

Eine Zukunft gibt es nur in Harare, der Hauptstadt Simbabwes. Und da wiederum nur im Viertel der Avenues. Wenn man es bis dorthin geschafft hat, dann hat man es eben geschafft.

Aber die Großstadt ist eine große Mühle, die schon viele Ankömmlinge aufgerieben hat. Dennoch versuchen es beide Geschwister.

Jezda vor allem, weil er herausfinden möchte, warum und wo sich die Spur seiner Schwester verliert. Sie ist seit Jahren wie vom Erdboden verschluckt.

Mit grobem und starkem Strich zeichnet Farai Mudzingwa ein Bild des zeitgenössischen Simbabwes. Faszinierend, wie gut ihm das in seinem Erstlingsroman gelingt!


Es gibt nicht nur zwei Erzählstränge, es gibt auch mehrere Zeitebenen; das ist beim Lesen allerdings kein Problem. Zeitsprünge finden nur kapitelweise statt (und nicht in einem Halbsatz wie bei Vargas Llosa) und außerdem ist jedes Kapitel mit einer Jahresangabe versehen. Als Leser wissen wir also immer, wo auf dem Zeitstrahl wir uns befinden.

Das erste Kapitel beginnt gleich einmal mit der Begegnung zwischen Natsai und dem Wassergeist. Als kleines Mädchen geht sie mit anderen Brot kaufen; die Kinder gehen dabei durch einen kleinen Bach. Plötzlich reißt der Wassergeist ein Mädchen in die Tiefe und Natsai erwischt er am Knöchel, sie kann aber noch entkommen. Jahrelang wird man am Knöchel noch die Striemen sehen, die dieser Griff nach ihr verursacht hat.

Sie erweist sich in der Schule als kluges Mädchen und beginnt danach bei einem Rechtsanwalt. Dort stellt sie sich so geschickt an, dass ihr der Anwalt einen Job als Journalistin in Harare verschafft. In den Avenues!

Aber wie schon in der Einleitung erwähnt: Eines Tages verschwindet sie spurlos und hinterlässt nur offene Fragen.

Ihr kleiner Bruder Jedza veranstaltet im Alter von acht Jahren mit zwei Freunden ein Wettrennen mit Fahrrädern. Alle Räder sind selbstverständlich rot, denn bekanntlich sind die schneller als die blauen!

Allerdings kommt einer der Freunde zu Sturz, die anderen fahren in den ersten hinein, es kommt zu einem Gerangel, bei dem Jedza einen seiner Freunde etwas zu stark wegschubst – und ausgerechnet vor den gerade vorbeifahrenden Zug.

Diese Szene und die damit zusammenhängenden Geräusche wird Jedza nie wieder los. Jede Nacht donnert der Zug durch seinen Kopf und er erlebt diesen Unfall immer wieder.

Dieses Erlebnis und das Verschwinden seiner Schwester treiben ihn dazu, ebenfalls nach Harare zu gehen. Ebenfalls ins Avenue-Viertel!

Dort schlägt er sich als gelernter Elektriker durch. Er montiert Solaranlagen und zweigt für seine Kunden Strom ab, vorbei am Zähler. Seine Kunden sind aber wie er ständig in Geldnot, und so laufen die Geschäfte eher schlecht.

Er freundet sich mit ein paar Straßenhändlern und Zuhältern sowie deren Mädchen an. Gehandelt wird praktisch mit allem: Telefonwertkarten, Schnupftabak, aber vor allem Drogen und Mädchen.

Die meisten Mädchen, die vom Land in die große Stadt kommen, landen eher früher als später im horizontalen Gewerbe. Eine der wenigen Ausnahmen war eben Natsai, Jedzas Schwester.

Eines Tages gibt ihm einer seiner Straßenhändlerfreunde einen Tipp, der sein Leben verändern wird. Er vermittelt ihm eine Session mit einer Schamanin, von der er dann den entscheidenden Hinweis bekommt.

Er fährt zurück in sein Heimatdorf Miners Drift. Der Empfang bei seinen Eltern könnte irgendwie herzlicher sein, wie diese kleine Leseprobe zeigt:

Hast du überhaupt einen Pass, mein Sohn? Andere Kinder, deren Mütter mit mir in die Kirche gehen, besorgen sich Pässe und gehen ins Ausland. Dann dauert’s nicht lange, und sie schicken ihren Eltern Geld, von dem sie im Alter leben können. Ja, manche Mütter haben eben richtige Kinder zur Welt gebracht!

»Sag mal, mein Sohn, womit genau verdienst du denn jetzt deinen Lebensunterhalt?« »Ich mache dies und das, Baba. Aber es läuft ganz gut.« »Hm, verstehe. Ein Mann braucht ein regelmäßiges Einkommen für seine Familie. Aus harter, ehrlicher Arbeit.« »Damit kommt man hierzulande nicht weit, Baba. Schau doch nur, was passiert ist, als der Dhora [die Währung, Anm.] abgestürzt ist und ihr aus der Stadt rausmusstet, Mai und du.«


Danach geht er jedenfalls einkaufen und besorgt sich eine schwarze Ziege.

So, mehr wird nicht verraten. Ich möchte ja niemandem das Lesevergnügen nehmen. Denn das ist es nämlich. Sehr flott und bildhaft geschrieben, stellenweise mit einer Portion Humor, obwohl es eigentlich nicht viel zu lachen gibt.

Zum Beispiel diese recht originelle und lautmalerische Wortkreation:

Die Kids heutzutage haben ja keine Ahnung mehr von Romantik. Damals hab ich das zwar nicht gemacht, aber später, als Teenager, hätte ich ein bisschen Rasierwasser auf diesen Brief gepfftet.


Seit Simbabwe (das ehemalige Rhodesien) unabhängig ist, wird es von der regierenden Einheitspartei geschunden und an die Wand gefahren. Ständig wird an Landbesitz und Geldwirtschaft (per Druckerpresse) herumgebastelt, es wird aber immer schlechter, praktisch nie besser. Von der Landreform profitierten hauptsächlich die Parteigänger des Präsidenten, die eigentliche Landbevölkerung ging wieder einmal leer aus. Die Korruption ist ein ständiger Begleiter der Einwohner. Im Roman ist immer nur vom allmächtigen MINISTERIUM sowie den Chefes die Rede, die dieses System repräsentieren.

Sehr viel von den Zuständen in Simbabwe erfahren wir direkt im Text. Sehr wichtig sind aber auch die Fußnoten, die noch sehr viel mehr Erklärungen dazu bringen. Sehr empfehlen kann ich auch, die Links, die ich im vorigen Absatz eingebettet hab, anzuklicken und nähere Infos einzuholen. Mir hat das jedenfalls sehr geholfen.

Alles in allem ein sehr erfrischendes Leseerlebnis, das mir außerdem Land und Leben ein wenig näher bringen konnte. 

Ich kann das Buch einfach nur empfehlen!


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